Reality Check Reise

Blick hinter die Kulissen von Tanjung Puting: touristischer Affenzirkus und Palmölplantagen

8:30 Uhr, zweite Fütterungsstation: Sie kommen. Wir hören wie sie miteinander kommunizieren, hören, wie sie sich in Position bringen, spüren ihre Nähe. Die Größe der Gruppe ist erstaunlich und ein wenig beängstigend. Es sind an die 80! 80 mit Treckinghosen, -schuhen,- funktionsshirts und Tropentrinkflaschen ausgerüstete National Geografic Kreuzfahrt Touristen. Ihr Mutterschiff hat sie am Sungai Sekonyer ausgespuckt. Per Speedboot haben sie die Station erreicht und mit ihrer schieren Masse unser Dschungelgefühl gesprengt. Pünktlich um 9 Uhr kommt kein Orang Utan zur Fütterung. Die Ranger stoßen lange, tiefe, fast schon verzweifelte Lockrufe aus, aber es raschelt nichts. Dr. Biruté Galdikas, Gründerin des Camps und engagierte Orang Utan Forscherin, ist höchstpersönlich anwesend. Sie sitzt mit finsterer Miene hinter der Absperrung. Die verschmähten Bananen wecken das Interesse eines kleinen Streifenhörnchens. Um 9:05 Uhr erreicht es auf Podest unter einem wahren Blitzlichtgewitter der unzähligen Kameras seine „5 Minutes of Fame“. Um 9:30 Uhr pirschen sich zwei Orang Utans an – viele der Kreuzfahrtler hatten sich da bereits schon wieder auf den Rückweg zum Pier gemacht.

13:30 Uhr, Camp Leaky: Am Pier stapeln sich die Klotoks. Auf dem Rasen vor dem Informationszentrum Touristen. „Foto, Foto Mister!“ Als der touristische Affenzirkus ganz neue Dimensionen annimmt, werden wir zum beliebten Motiv. Bereitwillig lassen wir uns mit zahlreichen Locals knipsen, stellen uns hinter die Fahne des Kawasaki Ninja Clubs, nehmen gewünschte Posen ein. Dann reicht es langsam. Die Stimmung unter der Mehrheit der Besuchern steigt auf Jahrmarktniveau. Dr. Galdikas sperrt höchstpersönlich den Weg, weist eine große Gruppe Locals in die Schranken. „Sie sind zu laut. Jetzt kommt erstmal keiner mehr durch!“, unser Guide kennt das Szenario. Und einen Schleichweg. Für 15 Minuten haben wir den Dschungel wieder. Und er uns. Wir sehen sogar einen Gibbon! Mein Herz hüpft! Dann um die Kurve nach Rechts…

Die Massen sprengen den Zuschauerraum. Ein freches Wildschwein übernimmt die Rolle des Stars der Fütterungsstation. Unerklärlicherweise hangeln sich einige Orang Utans durch die Baumkronen. Als Waldmenschen gehen sie im Trubel der Stadtmenschen fast unter. Um 14:30 Uhr machen sich bereits viele der Kreuzfahrtler auf den Rückweg zu den Klotoks, zufrieden, ein Haken in ihr Dschungelkästchen setzen zu können. Dann kommt Tom. Das Alphamännchen im Camp ist berühmt. Sein Name hallt durch die internationalen Reihen: „Tom is coming, Tom is coming!“ Blitzlichtgewitter. Tom hat Hunger, aber keinen Bock. Er dreht der Tribüne demonstrativ den Rücken zu. Selbst als es zur Feier von Dr. Galdikas Anwesenheit für ihn Mangos gibt. Um 15 Uhr ist kein Orang Utan mehr zu sehen. Wir nehmen einen Schleichweg zurück, aber das Dschungelgefühl stellt sich nicht wieder ein.

16:00 Uhr, auf dem Sungai Sekonyer: Wir haben einen kleinen Motorschaden. Die Jungs haben ihr bestes während der Fahrt gegeben, aber es braucht eine kleine Pause, um ein wichtiges Teil zu tauschen. Wie es unser Glück will, legen wir an Mulyadis Heimatdorf an und sind eingeladen, seine Eltern zu besuchen. Das Dorf besteht aus wenigen Dayak Häusern und heißt Jarum Bun Wandi Putra. Auf der Karte findet man es nicht. Mulyadis Eltern empfangen uns herzlich und ein bisschen aufgeregt – Weiße verirren sich nie hierher. Uns geht es nicht anders. Wir sind mitten im Dschungel, im echten Leben. Nicht in einem Vorzeigedorf für Touristen. Zu viert sitzen wir auf dem Boden des geräumigen Holzhauses und essen Kekse. Möbel gibt es fast keine. Wenn die Familie schlafen geht, werden Matratzen auseinander gerollt. Sie sind in einer Ecke verstaut. Die Stimmung ist ausgelassen, auch wenn wir uns nicht verständigen können. Zum Abschied machen wir ein gemeinsames Foto – Mulyadis Mutter hat darauf bestanden.

Wir drehen noch eine kleine Runde. Knapp hinter seinem Elternhaus hört die Idylle auf. Wir stehen auf einem noch kokelnden Feld. 100 Meter weiter fängt der Dschungel an, dort wo gerade dichte Rauchwolken aufsteigen. „Was ist denn hier los?“ In der Kultur der Dayak ist es Gang uns Gebe, Brandrodung zu betreiben, um die Felder neu zu bewirtschaften. Das abgebrannte Feld ist daher historisch gesehen nichts ungewöhnliches. Die Schwaden über dem Dschungel schon. Aufgrund El Nino hat es seit April nicht mehr geregnet. Der Dschungel ist stocktrocken und brennt wie Zunder. Das wissen auch die Handlanger der Palmölindustrie. Sie legen gezielt Feuer, um die Plantageflächen zu erweitert. Selbst hier, 200 Meter Luftlinie vom Tanjung Puting Nationalpark entfernt. Wir starren auf den dichten Rauch. Mulyadis Stirn liegt in Falten. Er macht sich Sorgen. Zusammen mit Fardi betreibt er eine kleine Organisation zum Schutz des Regenwaldes. Das Ziel: Möglichst viel Land zu kaufen, um der Palmölindustrie zuvorzukommen. 500 US Dollar kostet der Hektar. Das Geld dafür zweigen die beiden von ihren Einnahmen aus den Klotok-Touren ab. Noch ist ihr Land intakt, aber gegen illegale Brandrodung sind sie hilflos.

Plötzlich ertönt vom Pier aus ein tiefes Pfeifen. Der Motor läuft wieder rund, wir müssen weiterfahren. Schweigend machen wir uns auf den Rückweg. Wir kommen noch einmal an Mulyadis Elternhaus vorbei. Im Inneren brennt eine einzelne Kerze. Größer könnte der Kontrast zu Auto des Nachbarn nicht sein. Die Karre war uns schon auf dem Hinweg aufgefallen. „Er versucht sich seit Kurzem in der Palmölindustrie“, erklärt uns Mulyadi und weist auf winzige Palmensetzlinge, die vor der Tür stehen. Ein Mini-Palmenfeld betreibt er schon. Ein weiteres hat er ja gerade erfolgreich abgebrannt. Dabei sind die Einstiegsbedingungen für Locals alles andere als erfolgsversprechend. Zwar stellt die Industrie in vielen Fällen die Setzlinge, aber die Palmen brauchen mehrere Jahre, bis sie eine ertragreiche Ernte liefern. Viele kleine Bauern sind bis dahin bereits bis über beide Ohren verschuldet. Zeit für die Industrie, sich die Hände zu reiben – war sie ja von vornherein am Land der Bauern und nicht an dem Kauf der Früchte interessiert.

21:00 Uhr, Nachtlager: Auf dem Weg zu unserer Anlegestelle fahren wir den Sungai Sekonyer runter. Wir starren auf das dichte Ufer. Wohlwissend, dass sich auf der rechten Seite dahinter kein Dschungel sondern Plantagengebiet befindet, wirkt es auf uns wie eine Kulisse für Touristen. Nach drei Stunden sind wir am Ziel und die Crew vertaut das Klotok an den Palmen. Schienen sie auf dem Hinweg noch recht unscheinbar, bietet sie des Nachts ein spektakuläres Schauspiel, wenn 1000sende von Glühwürmchen zwischen den mächtigen Stauden ihren Balztanz vollführen. Wir sind hingerissen, können unseren Blick kaum abwenden. Alex schafft es als erster. Er klettert auf den hinteren Teil des Klotoks um den Horizont zu fotografieren. Was er sieht kann er nicht fassen – er nicht und der Rest des Klotoks ebensowenig: Wie eine dichte rote Glocke hebt sich der Schein eines brennenden Dschungels von der Dunkelheit ab. Es gibt keine Worte dafür. Das ist pures Grauen.

23:55 Uhr: Wir schauen an Tag 2 unsere Tanjung Puting Tour ein letztes Mal auf die Uhr. Unsere Münder sind trocken, unsere Mägen haben sich zusammengezogen. An diesem Abend werden wir früh ins Bett gehen. Unsere Crew wird jede Stunde aufstehen um zu prüfen, wie nah das Feuer gekommen ist. Um drei werden wir wach werden und uns Atemschutzmasken anlegen – der Rauch ist bis dahin so dicht geworden, dass er in Augen und Lungen brennt. Um fünf werden wir aufbrechen. Die Sicht wird wenige Meter betragen, der Sonnenaufgang durch den Rauch nicht zu sehen sein. Goodbye Tanjung Puting Nationalpark!

 

 

 

 

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