Reise

Eine Dschungeltour bei Nacht: von Raupen und Kopfjägern

„Mit dem Dschungel ins Bett gehen und mit dem Dschungel wieder aufstehen. Wer auf dem Klotok übernachtet, richtet sich ganz nach der Natur.“

// Einmal mitten im Dschungel übernachten? Wer, wie wir, mit dem Klotok den Tanjung Puting Nationalpark erkundet, ist mittendrin statt nur dabei. Das kleine, traditionelle Holzboot macht dazu einfach am Ufer fest. Geschlafen wird auf einer dicken Matratze an Bord, quasi unter freiem Himmel, aber geschützt durch ein riesiges Moskitonetz. Als wir dazu am Ufer des Kais von Pondok Bangui anlegen, ist es 20 Uhr und schon stockfinster. „You want to go for a little walk?“ Aber natürlich – wer würde sich schon die nächtliche Dschungeltour entgehen lassen?

Nachts im Dschungel: nichts ist wie es scheint …

Wir klettern an Land und folgen unserem Guide Mulyadi über dem kleinen Holzsteg in den Dschungel. Er barfuß, wir in Turnschuhen. Bei Regenzeit steht das Wasser bis an den Rand der Planken. Wer zum Camp will, muss sogar einen Teil schwimmen. Wir blicken ungläubig auf den staubtrockenen Boden 1,5 Meter unter uns. „Do you have glowing mushrooms or glowing trees?“. In der Regenzeit fluoresziert vieles, aber jetzt gibt der Wald kein Licht von sich. Überhaupt zeigt sich fast nichts. Sobald etwas raschelt, heißt das, es ist weg. Dann ertönt ein merkwürdiges Geräusch. „Das ist ein Wildschwein. Ein ärgerliches.“ Mulyadi legt einen Zahn zu, denn es ist wahrscheinlich keine 20 Meter von uns entfernt. Nicht gut. Ich bin hin- und hergerissen zwischen Abenteuerlust und dem Drang Reißaus zu nehmen. Auch die Ranger in den Hütten wirken etwas aufgescheucht. Mir wird ein bisschen mulmig.

Was es denn sonst noch gäbe? „Letztens wurde ein Ranger von einem Nebelparder von hinten angegriffen. Er konnte die Raubkatze gerade noch abwehren. Ein anderer ist vor einigen Jahren einfach spurlos verschwunden. Ein ganzer Suchtrupp hat den Wald durchkämmt, aber nicht einmal einen Schuh gefunden. Die Einheimischen vermuten einen Schlange.“ Hm. Wir starren in den dunklen Wald. Nichts zu sehen. Schade. Auf den letzten Metern vor dem Pier fällt mir eine große Raupe auf. Sie ist bunt und flauschig. Raupen stehen nicht auf meiner Interessensliste, aber immerhin. Mulyadi wird bleich. „Über ihr „Fell“ überträgt sie eines der unangenehmsten Gifte hier im Dschungel. Die Wunde entzündet sich und das Gift frisst sich immer weiter rein. Es kann sogar ein Loch in den Knochen fressen. Außerdem können einige Arten ihre Haare wie kleine Pfeile abwerfen.“ Wir treten einen Schritt zurück. Die Zeichnungen auf ihrem Kopf erinnern mich an Pennywise von Stephen King. Ein klares Signal „fass mich nicht an, ich bin gefährlich“? Nein, nur wenn man abergläubisch ist, aber im Dschungel ist einfach nichts, wie es scheint.

… und was ist mit der Schlange?

Wieder an Bord werden uns gebratener Fisch und leckere Salate serviert. Bier haben wir vorab bestellt – auf ganz Kalimantan kann man es nur auf dem Schwarzmarkt erwerben. Wir lassen es uns schmecken. „Do you have further questions?“. Gerade erst haben wir eine Eule entdeckt. Jetzt ist unserem Captain eine Fledermaus in die Hände geflogen, die er uns stolz präsentiert. Der kleine Räuber ist nicht begeistert und Juandi lässt ihn wieder in die Nacht entfliehen. Ein bekanntes Tollwutthema scheint Kalimantan nicht zu haben, einige Ureinwohner essen Fledermäuse sogar zum Frühstück.

Wir kommen mit Mulyadi über die lokalen Bräuche ins Gespräch, scherzen über Kopfjäger. Im Loose gibt es eine Infobox zum Thema „Kopfjagd“ in Kalimantan. Demnach wurden die alten Praktiken in 2001 das letzte Mal wiederbelebt, als ein Umsiedlungsprogramm der indonesischen Regierung Maduresen von der überbevölkerten Nachbarinsel Madura nach Zentralkalimantan umquartieren wollte. Die Geschehnisse seien gemäß Loose nie „richtig aufgeklärt oder politisch verarbeitet“ worden. Unser Guide zögert. Woher wir denn diese Info hätten. Eigentlich hielte sie die Regierung unter Verschluss. Wer dabei ertappt wird, ein entsprechenden Video auf youtube öffentlich abzuspielen, könne sogar verhaftet. Alex hakt nach.

Es ist nicht viel was er uns verrät, aber es klingt nach Präsens, nach hier und jetzt, nicht nach einer Geschichte, die sich vor 15 Jahren zugetragen hat. Kopfjagd habe in Zentralkalimanten Tradition. Das sei auch bekannt. Die Anlässe variieren erheblich. So gehen die Kopfjäger beim Krieg auf die Jagd – wie im Beispiel von 2001 – aber machen sich auch für Zeremonien auf den Weg. Zeremonien? Wenn der Vater, das Familienoberhaupt stirbt, braucht es drei Köpfe für die Zeremonie. Die Krieger werden dazu schon in jungen Jahren bestimmt und sind (!) durch Blumentattoos leicht zu erkennen. Wenn sie jagen, tragen sie geflochtene Bänder aus Farnblättern an ihren Hand- und Fußgelenken und binden sich die Machete an die rechte Hand. Das sei praktischer, als sie zu halten. Aber es gibt auch Regeln für das Töten: Nicht beim Schlafen, nicht beim Essen und nicht auf der Toilette. Und nur Fremde – aber das versteht sich ja von selbst.

Wir müssen an den verschwundenen Ranger denken. Eine Schlange erschien uns schon vorhin irgendwie unwahrscheinlich. Und was passiert mit den Köpfen? Die werden in Tongefäßen über dem Herd aufbewahrt. Der aufsteigende Rauch konserviert sie. Wir blicken auf Mulyardis Handydisplay mit einem Foto von harmlos aussehenden Krügen in einer harmlos aussehenden Küche, wo er letztens zu Besuch war. Und der Körper? Den lassen sie liegen. Mittlerweile ist es spät geworden und Zeit ins Bett zu gehen. Wir blicken in die Dunkelheit um uns herum. Immerhin ist die Schlange wieder im Geschäft.

Good Night Tanjung Puting!

Hier gehts zu unseren Erlebnissen am Tage:

Tag 1: Orang Utans hautnah erleben im Tanjung Puting National Park

Tag 2: Blick hinter die Kulissen von Tanjung Puting: touristischer Affenzirkus und Palmölplantagen

 

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