Reise

Orang Utans hautnah erleben im Tanjung Puting National Park

„Over there, look!“, die Baumkrone raschelt und schwankt. Es ist, als würde der Orang Utan alles im Wald beherrschen, seine Umgebung, die Bewegungen, die Geräusche, die ganze Atmosphäre und meine Sinne. Aber ich sehe ihn nicht, nur wogende Äste, aufblitzenden Himmel. Plötzlich: Meine Augen separieren das leuchtend orange Fell vom Hintergrund. Sie hat mich zuerst im Visier, scheint mich zu beobachten. Ich streife den Blick der anmutigen Orang Utan Dame, bevor sie sich davon hangelt. Ich atme aus. Welcome to Tanjung Putin National Park!

Vier Stunden früher: Das Willkommensschild am Mündungsrand zum schlammigen Sungai Sekonyer begrüßt uns von Weitem, als wir von Kumai aus den Sungai Kumai überqueren. Es bildet eine unsichtbare Grenzen, weist den Weg in zu den 300.040 Hektar des Tanjung Puting Nationalparks, in denen etwa 6000 Orang Utans Zuflucht und einen geschützten Lebensraum finden. Unser Gehirn schaltet in den Abenteuermodus. Wir sitzen auf unseren Aussichtsstühlen auf dem Klotok und staunen. Über das mit dichten Palmen gesäumte Ufer, das kurvenreiche Flussbett und vor allem über die Ruhe, die uns umgibt. Es ist ein tiefes Gefühl in der Seele. So fühlt sich pure Entspannung an. Drei Tage und zwei Nächte dürfen wir mit dem traditionellen Holzboot in die Dschungel-Welt eintauchen, die so geheimnisvoll wie aufregend für uns ist. Es ist ein Traum und wir sind mittendrin.

„Do you have any questions?“, Mulyadi, unser Guide, steht hinter uns und strahlt. Haben wir welche? Noch sind wir im Beobachtungsmodus, können die ganzen Eindrücke kaum sortieren, sind ganz im Hier und Jetzt. Ein Zustand, der keine Fragen zulässt. Zehn Minuten später sind wir etwas akklimatisiert. „Was sind das für dichte Palmen?“, „Warum ist das Wasser so schlammig“, „Kommen Orang Utans an das Ufer um zu trinken?“, „Gibt es Krokodile?“ – angespornt durch Mulyadis Freude an der Erklärung seiner Welt fragen wir wie Kinder, was uns in den Sinn kommt. Und Mulyadi weiß die Antwort. Er ist ein geborener Dayak, kennt sich bestens aus und spricht ausgezeichnetes Englisch. Auf der etwa zweistündigen Fahrt zum ersten Camp lernen wir viel über den Tanjung Puting Nationalpark, die Rehabilitationscamps, die Art der Orang Utans zu kommunizieren und dass es gleich zwei Arten von Krokodilen gibt. Wir entdecken sogar einen wilden Orang Utan am Ufer. Es ist eine Begegnung von zwei Sekunden, aber wie eine große Ehre. Wir sind ergriffen und verzaubert zugleich!

Am Steg von Tatjung Haarpan, der ersten Rangerstation, angekommen, haben wir noch ausreichend Zeit, bis die Fütterung startet. „Do you want to explore the camp and the jungle?“ Aber natürlich! Wir klettern an Land. Das Camp sieht aus, als hätte vor Kurzem ein starker Sturm über die Hütten geweht. Überall hämmern Freiwillige Bretter und Hütten zusammen. Das Informationszentrum liegt abgebaut am Boden, wird gerade generalüberholt. Einige Hütten sind verlassen. Wir lassen die Ranger-Station links liegen und streifen in den Wald.

Mulyadi bricht zwei Zweige von einem mickrig aussehenden Bäumchen ab und drückt sie uns in die Hand. „Try“. Es schmeckt bitter. „Das ist Pasak Bumi, damit schützen sich Orang Utans gegen Malaria.“ Der Geschmack erinnert mich an Tonic. „Uns hilft es präventiv: Wer drei Monate vor dem Duschungelbesuch regelmäßig Pasak Bumi Tee trinkt, riecht für Mücken bitter und wird gar nicht erst gestochen.“ Ich weiß nicht, worüber ich mehr staunen soll, über das Potenzial der Mückenabwehr oder dass Orang Utans einen Instinkt für die medizinische Anwendung von Pflanzen haben. „Wenn Orang Utans verletzt sind, suchen sie sich antiseptische Blätter, zerkauen sie und reiben sie vorsichtig auf die Wunde. Das könnten wir übrigens auch – wer sich im Dschungel verirrt, sollte einen Orang Utan suchen und sein Verhalten studieren. So ist alles was er frisst, auch für uns genießbar!“ Obwohl wir erst 15 Minuten unterwegs sind, sind wir schon mitten im raschelnden Dickicht. Wir bräuchten einen 360 Grad Blick, um all die kleinen Wunder zu erfassen. „Im Dschungel ist es wie Unterwasser“, und Mulyadi hat Recht: Uns umgibt eine ganz eigene, geheimnisvolle und unendlich spannende Welt.

Die Fütterungsstation liegt zehn Minuten vom Pier entfernt mitten im Wald. Sie besteht seit den 70er Jahren und ist die Anlaufstelle vieler erst kürzlich ausgesetzter Orang Utans. Wer sich wundert wo die Affen herkommen: „In Asien hält sich die hartnäckige Vorstellung, Orang Utans als Haustiere halten zu können“, erklärt uns Mulyadi. Für Baby Orang Utans besteht daher ein florierender Schwarzmarkt. Erst wenn die Tiere größer werden, merken auch die Besitzer, dass unsere Verwandten nicht für die Domestikation gemacht sind. Das Resultat: Viele Tiere werden zu unvorstellbaren Bedingungen gehalten oder einfach ausgesetzt. Freiwillige reisen daher durch ganz Asien, um die verwirrten und oft kranken Affen wieder aufzupäppeln. Einmal mehr oder minder an Menschen gewöhnt, dauert es jedoch, bis sich die Tiere wieder in der Freiheit zu recht finden, wenn überhaupt. Wilde Orang Utans sind da ganz anders. „Sie fürchten sich vor Menschen“, Mulyadis Blick spricht Bände, „wenn sie einen wittern, suchen sie umgehend das Weite, denn wir sind ihre einzigen Feinde.“ Und leider sehr effektive. Orang Utans stehen auf der IUCN Roten Liste für gefährdete Arten und der Mensch arbeitet unaufhörlich daran, den Bestand weiter zu dezimieren. Ein Orang Utan braucht etwa einen Quadratkilometer Wald, um sich ernähren zu können. Durch die Palmölindustrie, Bergbau und Goldminen verlieren sie jedoch stündlich ihren natürlichen Lebensraum und können sich nicht mehr allein ernähren. Je weniger Affen daher zu den Stationen kommen, desto besser – heißt es doch, dass ihre Umgebung genügen Nahrung bereit hält, ihr Lebensraum noch halbwegs intakt ist. Wir schlucken und nähern uns der Station.

Wie gebannt starren wir in die Wipfel der Bäume. Um uns herum verstecken sich an die zehn Orang Utans zwischen den Ästen. Wir sind nicht mehr ansprechbar. Als der Ranger mit den Bananen kommt, knackt und raschelt es gewaltig. Betty hat sich in Gang gesetzt. Betty ist ein Koloss, wiegt an die 90 Kilo und hat Hunger. Bei Fardi auf der Webseite steht: „Nichts ist es wert, um mit einem Orang Utan darum zu kämpfen“. Jetzt wird mir klar warum. Anders als viele kleine Affen, können Orang Utans nicht springen. Sie hangeln sich von Ast zu Ast – auch in großen Höhen. Das braucht Kraft! „Männliche Orang Utans sind achtmal stärker als wir. Weibliche vier Mal – und sie wissen, was sie wollen!“

Wir sitzen auf kleinen Holzbänken und bestaunen das Treiben um uns herum. 15 „Waldmenschen“ hangeln sich durch die Äste, warten ab, pirschen sich an. Schon in kurzer Zeit wird klar, dass Orang Utans uns im Verhalten sehr, sehr ähnlich sind. Sie orientieren sich nach Machstrukturen (bevor Betty nicht gefressen hat, frisst keiner ;)), kommunizieren miteinander, hegen Sympathien und Abneigungen, machen Witze, sind schüchtern, forsch, launisch oder cool. Sie nehmen genau wahr, was um sie herum geschieht. Jegliche Kontaktaufnahme durch Winken, Lächeln, Geräusche, Mimik, Gestik bleibt jedoch unbeantwortet. „Natürlich gibt es einige, die auch mit Menschen interagieren. Im Camp Leaky wartet zum Beispiel Affendame Princess gerne am Steg, um die ankommenden Besucher zu begrüßen. Aber man sollte ihr nicht zu nahe kommen, dann beißt sie. Überhaupt, sollte ein Orang Utan auf Euch zukommen, geht im aus dem Weg. Sicher ist sicher.“ Uns nähert sich keiner. Alle sind mit Bananen und sich selbst beschäftigt. Bis auf Betty, der hat sich gerade eine Orang Utan Dame geangelt um mit ihr auf dem Podest Liebe zu machen. Sie kaut derweil munter weiter auf ihrer Bananenschale herum … Der Rest der knallorangen Bande kaut, klettert, spielt, schaukelt, bunkert Bananen, kratz sich und nimmt von uns fast keine Notiz! Wir sitzen und gucken und staunen und fotografieren. Es fühlt sich mächtig an. Orang Utans in freier Wildbahn zu erleben, ob rehabilitierte oder nicht, ist schlicht atemberaubend. Es ist ein Moment, in dem selbst Kinder still werden und staunen.

Die Lunch-Zeit ist vorbei. Die Orang Utans ziehen sich wieder in den Wald zurück. Auch wir machen uns langsam auf den Heimweg zum Klotok. Mit einem Haufen neuer Gedanken und Fragen im Kopf. „Wie interagieren Orang Utans mit den Menschen und etwas verstörend, wie wir mit ihnen …?“ Mir kommt eine Bezeichnung für Primaten von Frans de Waal in den Kopf: „wilde Diplomaten“. Genau das sind Orang Utans, wilde Diplomaten. Sie vertreten sich und die Natur uns gegenüber. Orang Utans machen es möglich, dass wir bei ihrem Anblick uns im Hier und Jetzt, aber gleichzeitig auch unsere Vergangenheit und unsere Zukunft sehen können! Der Besuch bei ihnen ist kein Besuch, sondern eine Audienz!

Zurück an Bord nehmen uns sofort sogar noch weitere Dschungelbewohner in Beschlag. Wir entdecken direkt ein kleines Sunda-Gavial (mein erstes, wildes Krokodil!), dann Nasenaffen am Uferrand: Erst taucht einer auf, dann drei und 30 Sekunden später treiben wir unter einer munteren Bande. Haben wir die lustigen Kameraden vorher einfach nicht gesehen? Wir packen unseren Kamera aus, bringen uns in Position und … knipsen nicht ein gutes Bild! Es scheint als hätten sich die Nasenaffen abgesprochen. Keiner schaut mehr in unsere Richtung. Kann das sein? Was wir beim ersten Baum noch als Zufall abgetan haben, wiederholt sich beim zweiten: Wir nähern uns, alle gucken, wir kommen in Fotonähe und alle gucken weg. Seltsam. Langsam legt sich die Nacht über Tanjung Puting, unsere Sicht schwindet. Wir schauen in die tiefe Dämmerung und freuen uns: Wir treiben auf dem Fluss, um uns knackt und raschelt es, wir sind mittendrin statt nur dabei. Leben, was bist Du schön!

 

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