Reise

Havanna: Langsame Eindrücke auf alten Spuren – ein Erfahrungsbericht

Mi Mojoto en la Bodeguita, mi Daiquiri en el Floridita

Ernest Hemingway

 

Ein optimaler Start: Die Plaza Nacional
Schattige Wege umsäumt von bedeutenden Gebäuden vergangener Zeiten. Marmorbänke bezeugen den ehemaligen Reichtum und bieten einen ersten Anlauf zur Orientierung. Gerade noch an der Granma vorbeigefahren, sind wir nun mitten im Jetzt. Im heutigen Kuba, in Havanna der Stunde. Eine Seite des Platzes wird gerade komplett renoviert, die andere ist gesäumt vom weiten Glanz der alten Zeiten. Buicks, Chevis, Cadillacs in allen Farben warten auf eine Rundfahrt in die 50er Jahre. Wer es sich leisten kann, steigt für 30 CUC pro Stunde ein und darf staunen über den Prunk und den gleichzeitigen Verfall – ohne den der Reichtum der Rum- und Zuckerfabrikanten wohl heutzutage nicht auszuhalten und vor allem nicht für die breite Masse zugänglich wäre – wer nicht, geht gemäß Dan Kieran und seinem „Slow Travel„-Prinzip einfach los.

Auf einen Drink mit Hemingway
Es ist heiß, so heiß, wie es eben nur in einer Stadt sein kann, mit ihren Abgasen und zahlreichen Menschen. Auf dem Weg zum Cafe Floridita gehen wir rechts rum, links rum, machen noch ein kurzer Abstecher in eine ganz andere Welt (siehe Exkurs Harris Brothers Company) und erreichen bereits verschwitzt unserer erstes Ziel: Die Tür geht auf und uns kommt eine Horde Touristen, wie auch kalte Luft entgegen. Die ersten schrecken ab, die zweite lädt ein und überzeugt. Im Café herrscht ein gedämpftes Licht. Die gerade aufgebrochenen Gäste haben den Raum halb leer gelassen. Wir finden ein Plätzchen an der Bar und bestellen den wohl berühmtesten Daiquiri in Havanna.

Der Preis in „seiner Wiege“ ist ordentlich, aber dank Nebensaison gerade noch bezahlbar (6 CUC). Die sensationelle Stimme der Sängerin der Live Band schallt auch ohne Mikro durch den Saal. Wenn auch nicht die touristischen Gäste, so ist doch die Szenerie einzigartig. Der lange, edle Tresen, die Verzierungen an den Wänden. Es braucht nicht viel Fantasie um sich in die „guten, alten Zeiten“ zurückzudenken, in denen der Bar-Kultur noch auf ganz andere Art und Weise gehuldigt wurde – sei es, um im Stil Hemingways über große Geschichten und Literatur zu diskutieren oder im Stil Meyer Lanskys um widrige Geschäfte auszuhandeln. Und was machen wir? Wir schwelgen, genießen die kalte Luft und kommen erstmal an.

Havanna wie es leibt und lebt – die Calle Obispo 1
Erfrischt und leicht beschwingt werfen wir uns ins Getümmel und traben, jenseits der Insider-Tipps des Internet, mit der Menge die Calle Obispo entlang. Auf diese Weise zeigt sich zunächst ein für uns ganz neues Stadt-Bild – das des klassischen Touristen. Dicht gedrängt halten wir uns auf der rechten Seite, dort wo die Fassaden einen Streifen Schatten bieten und lassen die Eindrücke ohne stets gezückte Kamera wirken. Hinter dem Staub der Bauarbeiten erscheinen viele kleine Geschäfte wie Buchläden, CD-Shops, ein Optiker und nicht zuletzt die berühmte Johnson Drogerie und das Museum Farmacia Taquechel. Wir werfen einen Blick rein und staunen über die alten Regale mit zahlreichen Porzellantöpfen voller Heilsversprechen aber vor allem über die Abweichung von der Realität, denn die Apotheken, die wir bisher besucht hatten, die des „alltäglichen“ Kubas, kommen leider nur mir Ach und Krach über Alka-Seltzer hinaus.

Unser Hunger treibt uns die kleine Gasse weiter runter. Auf der Suche nach einem einfachen, günstigen kubanischem Lunch halten wir Augen und Nase offen, aber die Meile bietet kaum eine Gelegenheit. Wir versuchen es in einem Lokal am Eck, aber erregen statt der Aufmerksamkeit des Kellners nur die des CD Verkäufers der Band. Wir traben weiter. Schließlich bietet uns ein motivierter „Koberer“ an, auf der Dachterrasse des „Ambos Mundos“ zu rasten, wo sich bei einem Mojito für 3 CUC eine phantastische Aussicht genießen lasse und selbstverständlich sei auch das Essen tipico und günstig. Ein kurzer Blickwechsel. „soll´n wir´s wirklich machen oder lassen wir´s lieber sein?“. Nach dem El Floridita klingt der Preis für einen Mojito vernünftig und die Aussicht auf etwas Ruhe mit Panoramablick gibt den Rest. Mit einem alten Fahrstuhl geht es die Etagen des Hotels hoch, in dem Hemingway im Zimmer 511 seinen berühmten Roman „Wem die Stunde schlägt“ geschrieben hat. Oben angekommen erwartet uns ein Anblick der seines Gleichen sucht – seit Stunden nicht abgeräumte Frühstückstafeln und so viele Touristen auf einmal, wie wir sie gefühlt auf dem ganzen Weg bis zum Hotel nicht gesehen haben. Zusammen mit den überteuerten Menü-Preisen leider ein absolutes NoGo. Einen Blick in unseren 08/15 Reiseführer riskieren wir gar nicht erst und machen auf den Fersen kehrt.

Algo para comer? Sí claro, my friend

Zum Glück waren wir am Ende des groben Reiseführerlateins auch am Ende der Touri-Gasse angekommen. Zeit um sich treiben zu lassen. Mit dem Reiseführer in den Tiefen der Tasche biegen wir links ab, gehen rechts rum und kommen ganz zufällig an de„Bodeguita del Medio“ vorbei. Sie ist brechendvoll. Sicherlich haben wir hier eines der wichtigsten Sehenswürdigkeiten Havannas ausgeschlagen und auf den Mojito des Mojito verzichtet. Aber haben wir Hemingway nicht heute schon getroffen? In ganzer Bronzener Größe und bester Laune? Statt einen Schritt zurück in die Vergangenheit zu nehmen, wollten wir lieber einen nach vorne wagen und uns eine Bar suchen die keine berühmte Geschichte hat. Noch nicht. Mit einem großen Loch im Bauch ging es weiter geradeaus.

Längst haben wir die kurze Etappe der Souvenirlädchen rund um die Bodeguita verlassen, als neben uns ein junges kubanisches Pärchen entlangläuft. Wir kommen auf Englisch ins Gespräch. Heute gäbe es ein Festival, offen, ohne Eintritt und für Cubaner, natürlich auch für Touristen, aber primär für alle. Er erklärt uns den Weg, nur links, rechts, dann … sieht, dass wir zögern, gibt sich einen Ruck und bringt uns hin. Uns erwartet ein offenes Lokal. Senior Almarant, 78 Jahre alt und angeblich eine Größe des kubanischen Son, am Key-Board. Als „Amigos de la Germania“ schütteln wir Hände, ein Lächeln ernten wir nicht. Wir bestellen eine grobe Flasche Wasser und eine frische Limonade, lehnen den alkoholfreien Cocktail „Buena Vista“ ab. Zwei Wassergläser für die beiden? Sie schreibt gerade ihre Insider-Tipps für Havanna auf einen kleinen Zettel. Sie nehmen beiden einen Buena Vista – der sei ja ohne Alkohol und so erfrischend. Die Musik ist gut, aber laut und mit leerem Magen lässt sich schwer entspannen. Die hohen Preise des Menüs überzeugen nicht, die exorbitante Rechnung ist nur noch skuril. Man habe doch die Karte gesehen, fröhnt der Kellner. Ein kurzes Durcheinander angespannter Parteien, Enttäuschung bei uns, aber nicht der Moment, tatenlos Geld zu zücken. Vielleicht haben wir die Speisekarte gesehen, aber das erklärt nicht die unfassbaren Getränkepreise. Zum Glück haben unsere beiden neuen „Freunde“ ihre Getränke selbst bestellt. Missmutig aber bestimmt nimmt der Kellner die beiden Cocktails für sage und schreibe 10 CUC von der Rechnung. Übrig blieben mit unseren beiden Getränken, Bananenchips die wir ebenfalls nicht bestellt haben und dem Servicio ein Betrag, der locker für ein Abendessen, ein Glas Wein und Wasser für 2 in Guanabo gereicht hätte. Wir zahlen und hinterlassen drei lange Gesichter. Keine Diskussion mehr, kein „my friend“.

Havanna wie es leibt und lebt – Calle Obispo 2
Ohne richtige Orientierung ziehen wir weiter und landen zu allem Überfluss wieder in der Calle Obispo. Leichter Frust kommt auf. Jetzt einmal google angeworfen … ohne Netz finden wir trotzdem in der Seitengasse einen kleinen, günstigen Sandwichaden. Einen Kubaner, der neben uns bestellt, mal in Aurich gelebt hat, deutsch spricht und schon sein Angebot zu einer Tour oder dergleichen zücken wollte, ignoriere wir. Mit dem wirklich leckern Atun-Sandwich setzten wir uns auf eine Bank und – essen. Vor uns spielt sich das Leben des Platzes ab. Zwei kleine selbstaufgebaute Stände verkaufen Rasse-Welpen. Kubaner kommen und gehen, eine Frau scheint einen jungen Husky zu kaufen, gibt das Geld ab, nimmt den Hund aber nicht mit. Daneben: Zwei ältere Herren sitzen im Schatten und beobachten die Szenerie. Eine gemäß karibischer Tradition gekleidete Damen schlendert vorbei, auf der Suche nach Touristen, die ein Foto machen möchten, eine ältere Dame macht Mittagspause – allerdings ohne gekauftes Sandwich.

Wie viel von diesem Leben ist typisch für Havanna? Die touristischen Geschäfte oder die älteren Herrschaften? Wir kauen etwas erschöpft vor uns hin, beobachten und werden aus Havanna nicht recht schlau. Das erhoffte „Kuba“-Gefühl ist uns irgendwo zwischen den kleinen Gassen abhanden gekommen. So sollte das nicht sein. Wollten wir nicht rauchend und trinkend am Malecon sitzen, unsere Sinne vollauf auf die salzige Luft, die frische Minze und den Rum richten und einfach Sein? Ja. Das war mal der Plan, das und einen Hauch kubanischen Lebens miterleben zu können. Jetzt waren wir mittendrin und hatten das Gefühl, wir müssen uns irgendwie für eine Seite entscheiden. Beides lässt sich nicht vereinen. Oder doch?

 

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