Feature Lektüre Reise

Erfrischende Sichtweisen aufs Reisen: The Idle Traveller von Dan Kieran

Schwamm über unseren Whitsundays Trip, aber einen Aspekt möchte ich noch einmal aufgreifen: Die Geschwindigkeit. Warum? Wir waren zu schnell! Klar, mit dem Speetboot haben wir alles gesehen, aber leider nur im Vorbeisausen. Wir waren vorbei, bevor wir überhaupt richtig hingucken konnten.

Dan Kieran, der mit seiner Kunst des „Slow Travels“ in der Reiseliteratur Geschichte geschrieben hat, zielt genau auf diesen Aspekt ab. Und zurecht! Hier ein kleiner Einblick in seine spannenden Gedanken über das „langsame Reisen“:

Das ewige Ankommen

„Paradoxically, now that we can move so quickly around the world, most of us don´t actually travel any more – we only arrive“

Reisen wir oder kommen wir an? Der Gedanke mag zunächst seltsam klingen, aber nimmt an Fahrt auf, wenn man erstmal unterwegs ist. Viele der besonders spannenden Erlebnisse hatten wir unterwegs. Natürlich nicht am Flughafen – dieses unterwegs meine ich nicht – aber dann, wenn es weniger darum ging, an einem fixen Ort zu sein, als darum, den Augenblick zu erleben und die Gegend zu erkunden. Das ewige Ankommen setzt hingegen ein Ziel in der Zukunft. Es zieht einen weg von dem Ort, wo man gerade ist. Alles muss schnell, schnell gehen. Ein Beispiel: „Auf gehts nach Gili Meno“ hieß konkret: Wie kommen wir von Derawan zurück an Land und von dort direkt zum Flughafen? Welches ist die beste und schnellste Flugverbindung? Wie kommen wir von Lombok zur Fähre? Wie vom Anleger zum Hostel? etc. Das Ergebnis: Wir waren in zwei Tagen wieder am Strand, aber es war, als wäre die Seele nicht mitgekommen. Wir waren zu schnell, hatten keinen Sinn für den Ortswechsel, kein Gespür für die räumliche Distanz zwischen dem Paradies am Rande des brennende Regenwaldes und der chilligen Urlaubsinsel um die Ecke von Bali. Ganz anders unsere Reise mit dem Boot von Lombok nach Flores. Wir haben ganze vier Tage gebraucht, aber an jedem einzelnen Tag mehr tiefe, irgendwie „echtere“ Eindrücke gesammelt als in zwei Tagen Anreise und vier Tagen Aufenthalt auf Gili zusammen.

P.S.: „Nur ankommen“ kann man auch vor Ort. Nicht selten sind es nämlich unsere Reiseführer, die uns dazu verleiten, die vermeintlichen Highlights einer Strecke gezielt anzusteuern und das „Dazwischen“, mit den oft wirklich spannenden Einblick, einfach auszulassen.

„They concentrate on short cuts that allow you to experience something foreign, but without any real immersion in the places you go.“

Auf Bali hatten wir so eine Tour: Wir haben unheimlich viel von der Insel gesehen und waren auch pünktlich an der Fähre nach Java, aber von all den besuchten Orten haben wir lediglich schöne Fotos gesammelt, keine erlebten Erinnerungen.

Chronos vs. Kairos – oder ein besonderes Konzept von Zeit

„The thrill of living in the moment, which is the real destination of all journeys, is what the greatest travel writers are revealing in their meticulous descriptions of the places they go and the people they meet.“

Wusstet Ihr, dass die Griechen zwei Götter der Zeit hatten? Der erste ist Chronos. Wir kennen ihn viel zu gut: Er ist der Gott der messbaren, chronologischen, ewig fortschreitenden Zeit. Er ist der Gott den wir verfluchen, wenn der Urlaub noch in weiter Zukunft liegt und der Gott der den letzten Urlaub viel zu schnell passieren und vergessen lässt. Der Gott unseres Alltags. Spannenderweise gibt es jedoch einen zweiten: Kairos. Er ist der Gott der göttlichen Zeit, also den „once in a lifetime“-Momenten, wenn es darum geht, die Gelegenheit beim Schopfe zu packen – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Kairos hat geflügelte Füße (da er so schnell ist) und einen kleinen Haarballen an der Stirn, damit wir ihn und die wunderbare Chance, die er mit sich bringt, festhalten können. Er hat mit der linearen Zeit nichts am Hut und wenn er vorbei geflogen ist, ist er für immer weg (sein Hinterkopf ist kahl, by the way). Er ist der Gott des ewigen Augenblicks, der, der Horaz zu seinem Maxime „Carpe diem“ inspiriert haben soll. Er ist der, der unser Leben für immer verändert, wenn wir zugreifen, der, der auf Reisen so viel greifbarer erscheint. Also Augen auf, er kann jeden Moment (auch zu Hause!) vorbeikommen!

P.S.: Das Wissen um die Existenz von Kairos gehört für Dan Kieran zu den Konzepten im Leben, die unser Denken für immer verändern.

„As soon as you learn of the existence of moments that have the capacity to change our life forever and have a word to contain those possibilities, it feels as though you´ve intuitively understood the concept your entire life, you just couldn´t verbalise it until now.“

Der Blick hinter die Kulissen

„We came to a large station with no platform, and waited for a seemingly never-ending freight train to pull empty cargo crates, perhaps to be filled again by the sweatshops of the East. Slow travel really does take you through each nations „back stage““.

Dieses Konzept erklärt sich von selbst: Wer langsam reist, nicht auf den ausgetretenen Pfaden wandert, ernsthaft versucht einzutauchen, sieht das Leben, mit all seinen Sonnen- und Schattenseiten. Indien ist für viele ein gutes Beispiel, denn hier scheint es selbst für die Schönwetterreisenden kein Entkommen vor dem „wahren Leben“ jenseits der Hotelmauern zu geben. Wir haben auf dem Weg von Balikpapan nach Berau erlebt, was genau es heißen kann, in Indonesien zu sein. Unabhängig von der schrecklichen Tatsache, dass wir fast 24h mit 180 kmh durch brennenden Regenwald gerast sind, tun sich auf den holprigen Möchte-Gern-Straßen in den Tiefen der Palmölplantagen Abgründe auf. Abgründe, die einen Blick auf Arbeitsbedingungen, Hygienestandards, das Frauenbild, auf die „wahre“ indonesische Küche und den schlichten Alltag vieler Indonesier im Hinterland werfen, dort wo wahrscheinlich noch kein Tourist einen Fuß hingesetzt hat. Ich würde die Fahrt keinem empfehlen, auch nicht den Neugierigen, aber sie hat uns persönlich Indonesien noch einmal ganz anders erleben lassen.

Das Bewusstsein macht die Musik

„(…) when it comes to travel – as when it comes to love and creativity, for the matter – falling out of control, and beyond the comprehension of your own imagination, is the source of everything.“

Unseren Weg zur Arbeit kennen wir wir unsere Hosentasche. Wollen wir dort etwas Neues entdecken, müssen wir gezielt danach suchen. Ganz anders auf einer 0/8/15 Strecke in Australien – für viele Aussies ist es das tägliche Einerlei, für uns absolutes Neuland. Wir sind hellwach und bereit, jeden Fitzel neuer Landschaft in uns aufzunehmen. Was ist da los? Reisen nimmt uns mit auf einen Weg, der unser Bewusstsein aktiviert. Es ist der Teil in uns, der alles Neue aufsaugt und verarbeitet, der aktiv ist, wenn wir etwas lernen, erkunden, erleben. Der Gegenspieler auf dieser Ebene ist unser Unterbewusstsein. Es sorgt dafür, dass wir beim Zähneputzen oder Autofahren nicht über jede kleine Bewegung nachdenken müssen. Kurz: Ohne unser Unterbewusstsein können wir unseren Alltag nicht meistern, ohne unser Bewusstsein nicht wachsen. Das erklärt auch, warum viele Menschen das Gefühl haben, auf Reisen zu sich selbst zu finden. Ungewöhnlichen Situationen unterwegs bringen uns dazu, den Autopiloten abzuschalten und die bewusste Kontrolle zu übernehmen. Mit all den neuen Eindrücken nehmen wir uns und das Leben um uns herum plötzlich viel bewusster und intensiver wahr. Wir wecken uns quasi auf – eine schöne Erfahrung! Das gelingt natürlich umso besser, je mehr wir uns von unserem Alltag entfernen. Derawan: Wir sind hellwach. Gili: Wir schalten wieder ab und genießen den Tag in der Hängematte. Für Dan Kieran ist das aktive Bewusstsein daher das optimale Sprungbrett, um auf anschauliche Art Urlaub vom Reisen anzugrenzen:

„Sometimes we want to the relaxation of a holiday, precisely because we won´t feel overly challenged, and so on holiday our unconscious mind remains in control. On other occasions we want travel that will push ourselves into experiencing different ways of looking at the world, which brings our conscious mind in the fore. This is not to claim that there is a right or wrong way to travel, or that you cant´t find a combination of the two – perhaps that really is the Holy Grail; simply that there is a neurological way of differentiating between the two experiences.“

Loose your mind – das Ding mit den Sehenswürdigkeiten

„Interestingly these sights are usually historic, representing the past, not the present. They rarely reflect the ideas, values or ways of thinking that each culture contains at the moment when you visit.“

Sehenswürdigkeiten sind wie „Maggie“ in der Touristensuppe – sie sollen die Würze geben, sind aber meist nicht mehr als ein künstlicher Geschmacksverstärker. Wir alle haben unzählige Fotos vom Eiffelturm, der Tower Bridge, dem Brandenburger Tor, der Spanischen Treppe usw. Aber was erwarten wir von den vermeintlichen Attraktionen? Und wonach suchen wir wirklich? Dan Kieran tritt einen Schritt zurück und schaut zunächst auf unsere – wie so oft – aufschlussreiche Sprache. Sehenswürdigkeiten umgibt oft eine Aura der Checkliste, die wir verbal mit einem „Hast Du die Whitsundays schon gemacht“ würdigen. Aber seit wann „machen“ wir Erlebnisse? Es klingt, als wäre es ein zeitlich begrenzte Erfahrung, die man im Vorbeigehen mal mitnehmen kann. Viele Touranbieter setzten darauf, wie unserer auf den Whitsundays: Acht Stunden reichen, dann hat man die Inseln erlebt? Wohl kaum! Und trotzdem; selbst wenn wir nicht dem Schirm eines Anbieters hinterhertraben, stehen auf den meisten Reiserouten im Grunde austauschbare Ziele. Dan Kieran nennte es das „Paradox der modernen Reise“: Wir wollen das Exotische und Unvorhersehbare erleben, aber aus der Perspektive einer gewissen Ordnung und bekannten Umgebung heraus. Sprich: Es sollte bitte touristisch erschlossen sein, aber auch nicht zu sehr (wie jedem, der in Kuta auf Bali landet, sofort klar wird). Also noch einmal, wonach suchen wir wirklich?

Zeit einen weiteren Blick auf unser Hirn zu werfen – genauer, auf unsere beiden Gehirnhälften. Die Rechte ist eher intuitiv und offen für Neues, während die Linke vermehrt auf Ordnung und Struktur pocht und sich gerne in dem bestätigt, was sie schon kennt. Beide Hälften zusammen formen unsere Weltanschauung. Im übertragenden Sinne führt uns Reisen unter der Flagge der linken Hälfte daher zu all den Sehenswürdigkeiten dieser Welt, denn wir brauchen sie, um unserer Vorstellung eines Ortes einen realen Umriss geben. Es führt uns in Restaurants mit westlich anmutender Küche, in saubere Hotelzimmer und auf spannende, aber mit Geländern ausgestattete Wanderwege. Natürlich sehen, erleben und begreifen wir dabei auch etwas Neues, aber wir bleiben meist in unsere Vorstellung von dem, was die Welt in Grenzen hält. Wir „machen“ etwas. Reisen unter Führung der rechten Hälfte führt uns auf Pfade, die wir nicht kennen. Plötzlich wird aus dem „machen“ ein segeln, wandern, klettern, kochen, lieben und leben. Wir erweitern unseren Horizont, gerade durch das Neue, was unsere gedanklichen Grenzen von Orten und schlussendlich unserer Weltvorstellung sprengt. Unsere rechte Hirnhälfte bringt uns daher dessen näher, was Dan Kieran als das Ziel vieler Reisen ansieht:

„I´m convinced that when we travel we´re looking for what we´ve forgotten just as much as what we don´t know. Not as individuals, but as species. We want to know who we are and where we came from. We want to remember where we came from and the different definitions of what it means to know. That is possible, because that journey of discovery is held in the evolutionary structure of every human brain. Perhaps the urge to travel is an attempt to force us to remember what we are capable of, and this is the instinct behind the familiar line that travel can „broaden the mind“.“

Lasst uns episch werden

„When you think about it, we do seem to spend much more time worrying about how we can prolong our life span rather than improving the quality of that life, as though extending our life in measurable terms were far more important that the lives we actually lead.“

Urlaub ist oft wie die Karotte zu Beginn des Jahres: Er hängt als Antrieb vor unserer Nase, doch wenn wir ihn haben, spendet er nicht ausreichend Energie, sodass wir schon die nächste Karotte aufhängen müssen, um am Ball zu bleiben. Das ist tragisch, denn im Grunde müssten wir nur stehenbleiben bleiben und das Gras probieren. Dan Kieran sucht sich daher gezielte Anlässe, um sich seines ganzen Lebens als Reise bewusst zu werden (und nicht dem jährlichen Urlaub hinterherzulechzen). So hat er nach einer für ihn rein „phonetischen“ Vorlesung über Kunstgeschichte beschlossen, sich das besprochene Bild lieber selbst anzuschauen und sich auf den Weg nach Italien gemacht. Seitdem will er die Uffizien alle zehn Jahre besuchen. Seine Intention: sich immer wieder selbst daran zu erinnern, sich auf die eigenen Instinkte zu verlassen, statt einem vermeintlich sicheren, da vorgegebenen Weg zu folgen, der vielleicht gar nicht der eigene ist. Das ist schlau, denn viel zu schnell geht die Suche nach dem richtigem Weg im Alltag völlig unter.

„And while it might be ridiculous to imagine the modern-day tourist as an updated version of Odysseus, we are nevertheless all Odysseus when it comes to our individual lives. For me, this is why slow travel is so compelling, because you begin to think about your life as the only epic reality you will truly inhabit. Our existence is a narrative constructed through the experience of our own memory and the future we imagine in front of us. We think ourselves through the medium of a story: where we came from, the early experiences that define the way we look at our lives and the choices we make that send us onto a specific path. We are the authors of our own experience, which is why it´s so important to stop and look around occasionally. If you allow yourself to be funneled into a series of „phonetic“ experiences, ticking off one box after another, life flies by very quickly.“

Dan Kieran zeigt uns, dass es im Grunde nicht um die Distanz geht, die wir zurücklegen (wie beim Reisen übrigens auch nicht), sondern um die Intensität der Erlebnisse. Denn nicht zuletzt gilt: Je intensiver wir etwas erleben, desto länger kommt es uns auch vor. Vielleicht sollten wir viel öfter anhalten und uns fragen: Welche Kniffe und Wendungen, Dialoge und Reflexionen hat unser Roman? Also den, den wir täglich selber schreiben? Und vor allem: Was können wir tun, um die ein oder andere Passage zu verbessern, was um Spannung aufzubauen, was um Lieblingspassagen hervorzuheben und was um unsere Seiten mit purem Lesegenuss zu füllen?

Dan Kieran gibt darauf keine Antwort, denn die muss wohl jeder für sich selbst finden. Also auf gehts!

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