Reality Check Reise

Europa, wir erschaffen Alpträume: Die Tiefen der Palmölindustrie in Indonesien

„Man kann den Regenwald auch mit solarbetriebenen Kettensägen abholzen.“

Hans-Peter Dürr, Physiker, Umwelt- und Friedensaktivist

Wer nach Derawan möchte, fliegt am besten von Balikpapan nach Berau. Zumindest theoretisch, denn in Kalimantan herrscht zum Ende der Trockenzeit „Haze“. Heißt: Dicke Rauchschwaden hängen in der Luft. Rauchschwaden, die oftmals gesundheitsgefährdende Kohlenmonoxidwerte erreichen, bis nach Singapur ziehen und die Sicht eines Fliegers erheblich behindern können. Die Ursache? Viele Indonesier weichen aus und nennen es schlicht „bad weather“, aber treffender wäre wohl das Kind beim Namen zu nennen: In Kalimantan und Sumatra brennt der Regenwald! Nicht ein, nicht fünf, sondern unzählige Quadratkilometer.

„Haze“ tritt jedes Jahr auf und ist in Indonesien nichts besonderes. Dieses Jahr ist es allerdings besonders schlimm. El Nino verweigert den Regen. Der Wald brennt wie Zündholz. Als wir in Balikpapan erfahren, dass der Flughafen in Berau wegen „bad weather“ schon seit einigen Tagen gesperrt ist, verwundert es daher nur uns (eine hilfreiche Info dazu haben wir vorab übrigens weder im Loose noch online gefunden) – für alle Einheimischen ist es notgedrungener Alltag. Heißt: Man stellt sich auch transporttechnisch darauf ein. Wer zum Ende der Trockenzeit nach Derawan möchte, fliegt daher nach Tarakan (mit unklarer und teurer Option weiter zu kommen) oder gar nicht – oder fährt wie wir mit dem Auto (1, Anmerkungen und Quellen siehe unten).

Was wir unterwegs gesehen haben, lässt sich nicht in Worte fassen, denn größer könnte der Kontrast zu Tanjung Puting nicht sein. Die Straßen ab Samarinda bis nach Berau sind nicht für Touristen bestimmt (hier sind auch keine) und auch nicht für einheimische Pendler. Ihre angehend 450 Kilometer Hölle dienen der Palmöl-Industrie als Transportwege. Nicht mehr und nicht weniger. Was das heißt, war mir nicht im Ansatz klar. Ein paar Fakten kann und will ich mir daher hier nicht ersparen:

Palmöl? Palmöl ist der Schmierstoff der Konsumgüterindustrie. Das billigste Pflanzenöl der Welt, hat einen hohen Schmelzpunkt und erfreut sich daher höchster Beliebtheit für alles, was in Massen hergestellt wird – von Duschgel und Schokoriegel, über Wurst und Fertigpizza bis zur Tütensuppe. Laut Schätzungen von Greenpeace steckt es in jedem zweiten Supermarktprodukt, darüber hinaus in unseren mit Biosprit zum bersten gefüllten Tanks. Um an dieses Öl zu kommen, werden Regenwälder abgeholzt und niedergebrannt, Menschen aus ihrer Heimat vertrieben und als Widersacher sogar ermordet. Kurz: wird das Leben mit Füßen getreten. Und wofür genau? Nehmen wir das Beispiel Tütensuppen: „Das Pulver, hergestellt nur aus den denkbar primitivsten Zutaten Fett und Stärke, versehen mit künstlichen Aromen und Farben, bietet dieselbe erbärmliche Simulation von Essen und Genuss, wie auch das neoliberal und konsumistisch geprägte Gesellschaftsmodell nur eine künstliche und erbärmliche Simulation des guten Lebens ist.“(2) Für Kathrin Hartmann, Autorin von „Aus kontrolliertem Raubbau“ sind sie das „Konzentrat des Weltwahnsinns“. Schöner kann man es fast nicht auf den Punkt bringen. Jetzt die rhetorischen Fragen der Fragen: Brauchen wir Tütensuppen? Wollen wir Tütensuppen? Und wollen wir für Tütensuppen wirklich Natur und Leben gewaltsam zerstören?

Aber treten wir einen Schritt zurück. Nehmen wir an, Tütensuppen sind unverzichtbar. Was könnten wir tun, um die Produktion dafür erträglicher zu machen? Richtig, wir könnten auf Nachhaltigkeit setzen, Standards einführen, Siegel vergeben. Auf die Idee ist auch die Industrie gekommen. Und so sieht´s aus:

Roundtable for Sustainable Palmoil (RSPO): Am RSPO sitzen die ganz großen Strippenzieher des Geschäfts von Konsumgüterherstellern wie Unilever und Nestle, über gigantische Palmölhersteller wie Wilmar bis hin zum WWF und der Rainforst Alliance – übrigens in einem interessanten Verhältnis: „Von den 991 Vollmitgliedern gehören 950 zur Palmölindustrie und deren Kunden: 127 Palmölerzeugern, 349 Palmölverarbeitern, 52 Palmölhändlern, 12 Banken und 410 Konsumgüterherstellern sitzen nur 40 Nichtregierungsorganisationen gegenüber.“(3) Die Ergebnisse der Runde – oder sollten wir sagen der Industrieinitiative – fügen sich daher geschmeidig vor allem den eigenen Interessen. Ein Beispiel? Acht Prinzipien müssen Palmölfirmen einhalten, um ein Zertifikat für nachhaltiges Palmöl zu erhalten:

  1. Bekenntnis zur Transparenz
  2. Einhaltung von Gesetzen und sonstigen rechtlichen Bestimmungen
  3. Bekenntnis zu langfristiger wirtschaftlicher und ökonomischer Tragfähigkeit
  4. Anwendung angemessener bewährter und vorbildlicher Methoden (best parctices) durch anbauende Betriebe und Mühlen
  5. Verantwortung gegenüber der Umwelt, Schutz natürlicher Ressourcen und der biologischen Vielfalt
  6. Verantwortungsvolle Berücksichtigung der durch Anbauer und Mühlen betroffenen Interesse der Angestellten, Individuen und Gemeinschaften
  7. Verantwortungsvolle Entwicklung neuer Plantagen
  8. Bekenntnis zur fortwährenden Verbesserung bezüglich der Arbeitsschwerpunkte

Klingt das gut? Hand hoch, wer aus diesen Bekenntnissen konkrete Maßnahmen ableiten kann, die wirklich einen Unterschied machen! In Tanjung Puting hat uns Mulyardi erzählt, dass die benachbarten Palmölfirma ohne mit der Wimper zu zucken Pestizide einsetzt und ihr chemisch verschmutztes Abwassers ins Grundwasser leitet. Vielleicht schlicht ein schwarzes, siegelloses Schaf? Man weiß es nicht, Fakt ist jedoch, dass das Zertifikat an solche Nebensächlichkeiten gar nicht erst geknüpft ist. Der Einsatz von hochgiftigen Pestiziden wird in den RSPO-Statuten zwar nur in „besonderen Situationen“ empfohlen, auch sollten die Firmen den Einsatz gerne verringern und versuchen langfristig darauf zu verzichten, aber verboten ist es nicht. Guckt man sich die Zahlen rund um den Einsatz von Mitteln wie dem Herbizid „Paraquat“ (ein Teelöffel ist tödlich, der Umgang kann Langzeitfolgen wie Parkinson verursachen) genauer an, zeigt sich, dass sie für „mindestens 40.000 tödliche und bis zu 40 Millionen akute Pestizidvergiftungen in den südlichen Ländern PRO JAHR verantwortlich sind“(3). Guckt man sich den RSPO an, sieht man, dass am runden Tisch auch „(…) die Pestizid-Hersteller BASF, Bayer Crop Science und der Paraquat-Hersteller Syngenta sitzen“(3). Daher jetzt bitte Hand hoch, wen es wundert, dass die Generalversammlung ein striktes Paraquat-Verbot ablehnte!

Um das Bild zu komplettieren, nein, zertifizierte Palmölfirmen nimmt es keiner übel, wenn sie sich nicht auf die Einhaltung von Mindeststandards in der Ausbeutung der Arbeiter achten, sich nicht an die Landrechte halten und die Menschen vertreiben oder wenn ihnen exzessive Rodung, Waldbrände und illegale Abholzung nachgewiesen werden können – was zum Beispiel in einer kleinen Studie von Greenpeace zu den Palmölzulieferen von P&G ans Licht gekommen ist. Greenpeace war es auch, die in der Studie „Certifying Destruction“ herausgefunden hat, dass 39 Prozent der  schlimmsten Feuer in Sumatra 2013 durch Brandrodung auf Konzessionen von RSPO-Mitgliedern oder deren Tochterfirmen entstanden (4) (Brandrodung ist übrigens offiziell in Indonesien verboten, vgl. Bekenntnis 2). Soviel zu unseren Zertifikaten und einer vermeintlich guten Idee.

Daher noch einmal: Angenommen, wir brauchen Tütensuppen. So wirklich. Und wenn wir das mit der Natur mal außer Acht lassen. Würden wir nicht zumindest Arbeitsplätze schaffen, also dafür sorgen, dass in einem Gebiet von geringer Beschäftigungsrate, einige Menschen eine sichere Zukunft vor sich hätten?

Unterstützung der lokalen Bevölkerung: Wer glaubt, der Anbau von Palmöl würde der lokalen Bevölkerung dienen, hat zum Beispiel nicht mit dem weit verbreiten „Nukleus-Plasma-System“ gerechnet. Das schon legalisierte Landgrabbing, das in einer Form von moderner Sklaverei mündet, geht so: „Kleinbauern werden dazu überredet, ihre Gewohnheitsrechte an ihrem Land an die Palmölfirma abzutreten, die ihnen im Gegenzug das Landrecht für zwei Hektar mit Ölpalmen am Rand (Plasma) der Plantage (Nukleus) plus einen halben Hektar für Haus und Garten abgibt. So sollen sie sich selbst versorgen können und mit der Bewirtschaftung der Mini-Plantage Geld verdienen. Das mag in der Theorie gut klingen. Doch in der Realität sieht das anders aus: In den drei bis vier Jahren, die die Palmen wachsen müssen, bis sie Früchte tragen, sind die Kleinbauern auf einen Kredit von umgerechnet 1500 Dollar angewiesen, den ihnen die Firma gewährt – mit einem Zinssatz von 15,5 Prozent. Außerdem müssen sie Dünger und Herbizide selbst bezahlen, manchmal sogar die Ölpalmensetzlinge. Die meisten von ihnen landen deshalb in der Schuldenfalle und bleiben ihr Leben lang abhängig von der Palmölfirma, an die sie per Vertrag und zu miserablen Preisen liefern müssen. Von ihrer harten Arbeit können sie freilich nicht leben: Sie verdienen nur geschätzte 500 Dollar im Jahr.“(5)

Na schön. Vielleicht ist die Tütensuppe doch ein schlechtes Beispiel. Was ist mit Biosprit? Der führt doch zu einer Reduzierung von CO2, ist also gut für die Umwelt. Dafür könnte man doch einiges in Kauf nehmen, oder?

Treibhausgasquote: Um möglichst galant eine ordentliche Menge Co2 einzusparen, lassen wir uns Europäer einiges einfallen. So auch die sogenannte Treibhausgas- bzw. ehemals Biospritquote. „Seit Januar 2015 sollen 3,5 Prozent der durch den Kraftstoffverbrauch ausgestoßenen Treibhausgase eingespart werden. Bis 2020 sollen es sieben Prozent sein. Dieses Reduktionsziel will die Mineralölbranche mit nichts anderem als Biokraftstoff erreichen“ (6). Heißt konkret: Alleine für die von 3,5 Prozent bis Ende 2015 benötigen wir 2,4 Millionen Tonnen Biosprit pro Jahr in Deutschland und eine Anbaufläche von 2500 Quadratkilometern. Das dieses Land nicht vom Himmel fällt und welche Konsequenz daraus folgt, ist hoffentlich jedem klar. Wenn man jetzt noch bedenkt, dass es ein Liter Biodiesel aus Palmöl auf 800 – 2000-mal mehr Treibhausgase, als ein herkömmlicher Liter Diesel bringt (gemäß einer Untersuchung des Internationalen Rates für Ressourcennutzung (4)), sieht unsere saubere Klimaweste ziemlich mitgenommen aus (die Frage, ob es sich von vornherein um eine weiße Weste handelt, spar ich mir mal).

Ja, aber …

Und so weiter und so fort: Mit diesen Punkten ist es leider noch nicht getan. Die Art der Verbrennung von Torfböden, die Vertreibung der lokalen Bevölkerung, der Umgang mit Tieren, das Geklüngel mit NGOs für eine angeblich verbesserte Produktion etc. liefern unzählige, weitere Absurditäten!

In Deutschland wird die Diskussion um Palmöl ja immer mal wieder geführt, aber wie es scheint nicht in aller Konsequenz. Was läuft da schief? Schlichte Aufklärung kommt in unserer Kultur des „Alles immer“(7) scheinbar gar nicht erst an. Gibts das? Das gibt´s, weil wir gemäß Harald Welzer unseren Glauben an das Wachstum bereits habitualisiert haben. Wir sind in dem Gedanken an unbegrenztes Wachstum aufgewachsen, haben es internalisiert, tief mit unsere Weltanschauung verwoben. Es ist Teil unsere Kultur und out of the box zu denken fällt da nicht leicht, ein Zurückrudern und den Bedarf beschränken kommt mitnichten in Frage.

Etwas zu theoretisch das Ganze? Harald Welzer gibt in seinem Buch „Selbst Denken. Eine Anleitung zum Widerstand“ ein anschauliches Beispiel, das zu unserer Thematik passt: „Wenn man einem, sagen wir neunjährigem Kind erklären würde, dass die Erde den Ressourcenhunger der Weltbevölkerung nicht stillen kann, und es nach einer Lösung fragen würde, könnte es zum Beispiel sagen: „Erfindet etwas, das die Menschen kleiner macht, dann reicht die Menge an Ressourcen, die die Erde bietet, für alle.“ Ein Erwachsener dagegen würde sagen: „Wir müssen wachsen! Ohne Wachstum haben wir keine wirtschaftlichen Möglichkeiten die Umweltprobleme zu bewältigen!“. Zwei gegensätzliche Konzepte: schrumpfen oder wachsen, was ist realistischer, wenn für all zu wenig da ist? Der Erwachsene ist ganz offensichtlich logisch auf dem falschen Dampfer, aber er braucht gar nicht eigens begründen, wofür Wachstum ausgerechnet im Angesicht umfassender Knappheit taugen soll – es ist eben längst zu einer fraglosen Glaubenstatsache geworden, das Wachstum, und Gläubige argumentieren nicht.“ (8)

So einfach ist das. Und deshalb mögen wir noch so viele runde Tische für nachhaltiges Palmöl erfinden, um uns in Sicherheit zu wiegen, aber Fakt ist, nachhaltiges Palmöl gibt es nicht. Jedenfalls nicht so, wie wir es gerade angehen. Das muss man erstmal sacken lassen.

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Und was heißt das jetzt? Es ist schon schlimm genug, dass wir es uns – vor dem Hintergrund, das Palmöl in so ziemlich allen industriell hergestellten Supermarktprodukten steckt – auf dem Sofa einigermaßen bequem machen können. Ganz nach dem Motto „Was kann man dann eigentlich noch kaufen?“, fällt es zugegebenermaßen selbst dem aufgeklärtem Konsumenten schwer, gänzlich auf Palmöl zu verzichten (hier dennoch eine kleine Inspiration). Was bleibt ist Engagement und Boykott. Zumindest im Kleinen. Im sehr Kleinen, wenn man davon ausgeht, dass sich der Konsument, so Welzer wahrscheinlich leider zurecht, „in der Ausübung seiner strategischen Macht den Marktgesetzten fügen muss“. Heißt: Er kann ordentlich quäken, aber nicht gestalten. Er kann zwischen Produkten wählen, aber nicht souverän sein, nicht die Regeln verändern. Das können Bürger, in ihrer Gestaltungsfreiheit, aber nicht „Konsumbürger“, die dem Markt unterliegen. Welzer fasst es nett zusammen wenn wer sagt, dass

„(…) die ganze Rede vom strategischen – verantwortlichen, politischen, moralischen – Konsum nicht mehr ist als Ideologie; sie entspricht ungefähr der Freiheit eines Nilpferds im Zoo, sich lieber vom einen Wärter statt vom anderen füttern zu lassen.“ (9)

Harte Worte, aber wenn sich jeder an die eigene Nase fasst, sehr ehrliche. Wenn wir daher von der abartigen Palmölindustrie sprechen, von der höllischen Arbeitsbedingungen, den Umweltverstümmelungen und -zerstörungen, den Dollar-Zeichen in den Augen der einen und dem beißenden, undurchsichtigen „Haze“ in den Augen der anderen, geht es im Grunde um uns. Um unsere Einstellung, unsere Politik, unser sich in die Tasche lügen. Was nützt uns eine europäische Biospritquote, die die „nachhaltige“ Palmölindustrie noch ordentlich befeuert, damit wir unsere CO2-Bilanz auf Rücken anderer Länder verbessern? Was Diskussionen um den Klimawandel, wenn die dazu geladenen Gäste von überall aus der Welt einfliegen müssen und das ganze Treffen mit seinen zig Tonnen CO2 die angepeilten Ergebnisse ad absurdum führt? Oder sollte man gleich lieber fragen, wem nützt das? So oder so. Es ist ein Unding. In der Neon gibt es die Rubrik „In was für einer Welt leben wir eigentlich?“. Die Palmölindustrie könnte mit ihren Absurditäten ganze Jahresausgaben füllen – so wie viele weitere andere Industrien auch. Wir haben uns da ganz schön in etwas herein manövriert, aber wie kommen wir da wieder raus?

Ich möchte mit Hartmann und Welzer enden, deren Auflistung von Fakten und wahre Worte mich sehr inspiriert haben und damit gleichzeitig jedem empfehlen, mal einen Blick in „Aus kontrolliertem Raubbau“ und „Selbst Denken“ zu werfen :

„Mich verstört der leichtherzige Verzicht auf Freiheit und das freimütige Eintauschen von Autonomie gegen Produkte auch deswegen, weil hier ohne Not preisgegeben wird, was der wirklich historische Gewinn des Aufstiegs der frühindustrialisierten Gesellschaften war. Das ist nicht primär Wohlstand, der ja hinsichtlich seines Mehrwerts an Glück ab einem bestimmten Niveau ziemlich begrenzt ist, sondern eben das: bürgerliche Rechte, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Bildungs- und Gesundheitsversorgung. (…) Deshalb greift alle grüne Kritik an der resssourcenübernutzenden Kultur und jede Forderung nach mehr Nachhaltigkeit in der Wachstumswirtschaft gleich zweimal daneben: Erstens geht es heute nicht mehr um Korrekturen, sondern um eine Umkehr, und zweitens nicht um die Frage, was es zu vermeiden, sondern was es zu erhalten gilt. Denn eines ist ja klar: Gesellschaften unseres Typs werden in den kommenden Jahrzehnten mehr und mehr unter Stress geraten, unter Ressourcenstress, Schuldenstress, Migatrionsstress usw. Unter Bedingungen von erhöhtem Stress schrumpft der Raum zum Handeln: Man beginnt dann nur noch zu reagieren und hört auf zu gestalten – so wie es die europäischen Regierungen unter dem Druck der Finanzwirtschaft heute schon tun. Weshalb man vor einer einfachen Wahl steht: Da sich unsere Welt radikal verändern wird, stehen wir nicht vor der Frage, ob alles bleiben soll, wie es ist, oder nicht. Wir stehen nur vor der Frage, ob sich diese Veränderung durch Gestaltung oder Verfall vollziehen wird – ob man sehenden Auges die sukzessive Verkleinerung des noch bestehenden Handlungsspielraums geschehen und damit Freiheit, Demokratie, Recht und Wohlstand über die Klinge springen lässt. Oder ob man seinen Handlungsspielraum nutzt, um Freiheit zu erhalten, also auch die Freiheit, die Dinge besser zu machen. Warum bevorzugen Sie der erste Variante?“ (10)

Harald Welzer

 

„Was ist denn dann die Lösung? Diese Frage bekomme ich in Interviews und Diskussionen wieder und wieder gestellt, und allein der meist rat-, ja verständnislose Blick der Fragenden verrät, dass dies (…), allenfalls eine rhetorische Frage ist, die ihre Antwort gleich mitliefert. Nämlich die, dass die herrschenden Verhältnisse nicht zu verändern sind, also genau die Antwort auf alles, mit der uns die Politik seit Jahren all ihre Entscheidungen verkauft: die der Alternativlosigkeit. Die Vorstellung, handlungsunfähig zu sein, ausgeliefert an die „Märkte“, den Kapitalismus und an die auf die Wirtschaft zugeschnittene Demokratie, und zwar trotz aller Ungerechtigkeit, die so fortwährend produziert wird. (…) Der triumphierende Vorwurf, zur Kritik keine passende Lösung zu bieten, bringt im Subtext aber noch etwas anderes zum Ausdruck: nämlich dass der auf Verschwendung eingestellte imperiale Lebensstil selbst gar nicht verhandelbar ist. Dass eine Abkehrung von den Uraschen, die zu all den Problemen führen – die kapitalistische Wachstumswirtschaft und das westliche Wohlstandsmodell – nicht gewollt ist. (…) Wir brauchen (daher) keine „besseren Unternehmen“, die mit „besserem Palmöl“ eine „bessere Tütensuppe“ herstellen. Wir brauchen ein selbstbestimmtes Leben, in dem die Tütensuppe keinen Platz mehr hat, bessere und weniger Arbeit, die Zeit lässt, um mit anderen Menschen die wichtigen Fragen zu diskutieren, ein neues, starkes Miteinander, das das schale Glück des Konsums ersetzt.“

Kathrin Hartmann

 

1: Die Fahrt war sicherheitstechnisch alles andere als ohne und wir raten dringend davon ab!!

2: s./vgl. Hartmann, Kathrin: „Aus kontrolliertem Raubbau“, E-Book, München, 2015 Kapitel „Schluss Alternativen statt Lösungen! Warum wir das System ändern müssen, nicht die Wirtschaft“

3: s./vgl. Hartmann, Kapitel 4 „Zertifizierte Zerstörung am Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl“

4: s./vgl. Hartmann, Kapitel 5 „Greengrabbing“

5: s./vgl. Hartmann, Kapitel 3. Sembuluh, der sterbende See

6: s./vgl. Hartmann, Kapitel „Gründe Wunder: Wie die Politik Klimakiller in Klimaretter verwandelt“

7: s. Welzer, Harald: „Selbst Denken, Eine Anleitung zum Widerstand“, E-Book, Frankfurt am Main, 2013, Kapitel „Warum wir nicht so sein wollen, wie wir waren“

8: s. Welzer, Kapitel „Tiefe Industrialisierung“

9: s. Welzer, Kapitel „Konsumethik“

10: s. Welzer, Kapitel „Wohnst Du noch, oder zerstörst Du schon?“

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