Reise

Das Höchste: auf der Sonnenpyramide von Teotihuacán gen Himmel

 

Sonnenpyramide Mexico - calzada del muerto

Große Fragen brauchen Raum, große Gedanken auch. Was ist da naheliegender, als sich eine Plattform zu suchen, von der aus sie losfliegen können?

Nun sind Reiseführer nur grob nach Bedürfnissen aufgeteilt. Klar, es gibt die Sektionen mit Essen, Trinken, Schlafen und Sehenswürdigkeiten, aber wenn es um ein Gefühl geht – hoch hinaus wollen, sich klein vor der Natur fühlen, Energie tanken – wird es schwieriger. Warum eigentlich? Geht es uns nicht allen bei der „Besichtigung“ einer Sehenswürdigkeit, eines Naturwunders oder eines Marktes um das „mehr“, das hinter der eigentlichen Tätigkeit liegt? Eben um die Gefühle, die uns dabei begleiten oder um die korrespondierenden Wünsche wie „den Horizont erweitern“, „in die lokale Kultur eintauchen“, „Natur erleben“ oder einfach „Spaß haben“?

Klar, nicht jeder empfindet gleich. Was bei dem einem kribbelnde Vorfreude auslöst, hat der andere schon 100mal gesehen und in der „alltäglich“-Schublade des Hirns verpackt. Aber gibt es nicht vielleicht doch Orte und Anlässe, die zumindest einen gemeinsamen Gefühlsnenner auslösen – wenn auch einen kleinen?

Wir fahren mit dem Mietwagen nach Teotihuacán. Der Name ist aztekisch und bedeutet „Wo Menschen Götter werden“. Schon einmal ein guter Name für ein Ziel, wenn das Denken Weite sucht! Tatsächlich eignet sich Teotihuacán, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was möglich ist. Dafür braucht es kein Buch und keinen Guide, sondern Augen. Die Sonnenpyramide ist mit ihren 225x225x63 Metern die drittgrößte Pyramide der Welt. Die Cheops-Pyramide mag zwar wesentlich höher sein, aber sie darf nicht bestiegen werden. Cholula, die vom Volumen her größte Pyramide, liegt verborgen unter einer von den Spaniern auf ihrer Spitze erbauten Kirche. Sie zählt daher nur halb. Man mag es drehen und wenden wie man will, die Pyramide del Sol ist die höchste Pyramide auf die man rauf darf und das zeigt sie! Wer an den untersten Stufen hochschaut, fühlt sich geradewegs wie vor der Treppe direkt in den Himmel.

 

Wie nah können wir dem Himmel kommen? Auf den so winzig wie steilen Stufen schweifen meine Gedanken ab. Tatsächlich ist  Teotihuacán heutzutage spirituell besetzt. Unzählige New-Age-Anhänger kommen auf dem Gelände zum Frühlingsäquinoktikum zusammen, um die mystische Energie aufzusaugen, die hier angeblich zusammenfließt. Archäologisch gesehen, gibt es keine Hinweise, dass die Pyramiden von den Teotihuacános auch als Energieorte genutzt wurden. Aber: Wie die Azteken, die die einst größte Stadt Mesoamerikas verlassen entdeckt haben, sind ist sich die Wissenschaft recht sicher, dass auf der Pyramide del Sol immerhin die Sonne verehrt wurde – ein Akt, den ich persönlich durchaus aus vollem Herzen nachvollziehen kann!

Wir sind kurz vor dem 21.3. vor Ort. Die Pilgermassen sind noch nicht angereist, die Sonne will auch nicht recht. Vielleicht bereitet sie sich auf ihren großen Auftritt vor? Als wir endlich auf dem obersten Plateau stehen, empfängt uns die Spitze mit frischem Wind um die Nase und einem herrlichen Ausblick – über das Umland, die Mondpyramide und die herannahenden Wolken eines ausgewachsenen Unwetters. Die Sonnenpyramide ist nichts für Regen – wer hätte das gedacht – denn runter ist noch schwieriger als hoch und ihre Stufen sind trocken schon etwas rutschig. Wir stehen also auf der drittgrößten Pyramide der Welt, atmen ein, atmen aus, umrunden die Spitze, blicken uns um und sind beeindruckt. Nicht nur vom Panoramablick, auch von der Weite im Kopf. Die Welt am Fuße sieht winzig aus. Die Fragen die wir unten gelassen haben auch. Freiheit stellt sich ein. Auch die, länger oben zu bleiben als vielleicht ratsam. Das Unwetter ist noch weit weg. Wir im Hier und Jetzt. Kann es so einfach sein? Hoch klettern und sich frei fühlen?

 

 

Als wir wieder unten sind recherchiere ich, warum es an so vielen Orten der Welt und unabhängig voneinander Pyramiden gibt. Scheinbar ist die Sachlage nicht völlig geklärt, aber es gibt eine Theorie die im wahrsten Sinne des Wortes einleuchtet: Das Phänomen, dass Sonnenstrahlen durch ein Loch in einer Wolkendecke wie eine Pyramide anmuten, könnte dazu geführt haben, dass Menschen diese strahlende Wolkenöffnung als göttliches Zeichen interpretiert und als Bauvorlage genutzt haben. Die sogenannte „Sonnenstrahltheorie“. Wiki sagt, dass diese Konstellation an fast allen Orten der Welt auftritt, selbst dort, wo es aus geografisch-klimatischer Lage nur selten eine dichte Wolkendecke gibt. Ich überlege, aber kann mich nicht daran erinnern, ein solches Phänomen jemals bewusst wahrgenommen zu haben. Ein schöner Baumeister wäre ich gewesen! Aber wir sind nicht umsonst in Teotihuacán, haben die Sonnenpyramide nicht umsonst bestiegen. War der Himmel gerade noch tiefgrau, lässt sich die Sonne jetzt nicht lumpen. Wie auf Bestellung schickt sie ihre Strahlen an der Wolkendecke vorbei direkt zu uns. Plötzlich kann ich verstehen, dass Menschen darin eine Botschaft gesehen haben. Vielleicht ist Bauen immer noch nicht meins – aber, dass wer hinsieht, einen Weg gen Himmel findet, ist mir nun völlig klar und dass es manchmal Ort wie diesen braucht, um das zu erkennen auch!

 

 

Hand aufs Herz:

Lohnt sich der Besuch von Teotihuacán?

  • Auf jeden Fall! Die Sonnen- wie auch die Mondpyramide sind eindrucksvoll und definitiv eine Besteigung wert (schon alleine aus dem Grund der Sonne zu huldigen, sollte man sich einen Besuch überlegen ;)) Neben den riesigen Bauwerken liefert das „Museo del sitio“ mit seinem Modell über die ehemalige Stadt wie den zahlreichen Relikten und Grabüberresten zudem spannenden historische Einblicke und Fakten.

Tipps:

  • Die Höhe nicht unterschätzen: Wie so oft, wenn man hoch hinaus will, wird die Luft beim Aufstieg dünner und so kann sogar fitten Traveller beim Aufstieg schwindelig werden. Daher sich für die Aufstiege Zeit nehmen und außerdem ausreichend Wasser sowie ggf. etwas Süßes für den Kreislauf einpacken! Für einen Blick vorab: Hier gehts zu einem virtuellen Rundgang.
  • Gegen den Strom: Wir waren an einem Dienstagnachmittag ab 15 Uhr vor Ort und das war ideal, denn die Touris aus Mexiko City waren wohl schon wieder weg und dementsprechend gab es auch nur wenig fliegende Händler.
  • Parken: Der Parkplatz bei der Avenida Pyrámides besticht durch einen kurzen Fußweg bis zur Sonnenpyramide. Ich kann nicht sagen, wie die anderen wären, aber dieser war sehr gut!

Ist der Mietwagen-Trip safe?

  • Mit dem Mietwagen von Puebla nach Teotihuacán war prinzipiell kein Problem. Generell gilt die Gegend um Puebla jedoch ohnehin als sicher und wer eher auf eine alte Kiste, als auf eine Hochglanz-Kutsche setzt, fällt auf den Straße auch nicht wirklich auf.

 

 

You Might Also Like

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen